03.11.2026
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Handtmanns Roadmap für die Zukunft des Aluminiumgusses: Klare Prioritäten, praxisorientierte Lösungen

Klare Ziele, konkrete Lösungen: Handtmann gestaltet die Zukunft des Aluminiumgusses
Katharina Schmitt

Teaser

Foundry-Planet spricht mit Dirk Seckler und Heiko Pfeiffer, Mitgliedern der Geschäftsführung von Handtmann Light Metal Casting, über den industriellen Wandel, Megacasting, technologische Innovationen sowie die Zukunft Europas als Industriestandort.

Wettbewerb auf globaler Ebene: Die technologische Position von Handtmann

Dirk Seckler, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting and Systems Engineering and Heiko Pfeiffer, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting and Systems Engineering
Dirk Seckler, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting and Systems Engineering und Heiko Pfeiffer, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting and Systems Engineering

Foundry-Planet: Handtmann gilt als Technologieführer im europäischen Aluminium-Strukturguss. Wie beurteilen Sie die Position des Unternehmens auf dem internationalen Markt, und was unterscheidet Handtmann von anderen Aluminiumgießereien?

Dirk Seckler, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting and Systems Engineering:

Handtmann hat sich im internationalen Wettbewerb eine starke Position erarbeitet. Wir zählen zu den größten Aluminiumgießereien weltweit und belegen in Europa, gemessen am Umsatz, den zweiten Platz. Unser klares Ziel ist es, in der Branche für Leichtmetallguss technologisch und in puncto Innovation führend zu sein.

Kunden erwarten heute mehr als nur Produkte; sie suchen nach ganzheitlichen Lösungen. Wir haben daher unsere Rolle über die einer klassischen Gießerei hinaus erweitert und uns zu einem 360°-Lösungspartner entwickelt. Wir binden unsere Kunden bereits in die frühen Konzeptphasen neuer Produkte ein und begleiten sie über den gesamten Prozess hinweg – von der Entwicklung, der Materialkompetenz und dem Prototypenbau bis hin zur Industrialisierung und Serienfertigung.

Zudem investieren wir kontinuierlich und systematisch in unsere Produktionsstandorte – sowohl in Deutschland als auch im Ausland, etwa in der Slowakei. Kundennähe, eine zuverlässige Versorgung und kurze Lieferwege gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Unsere zentrale Frage lautet stets: Wie können wir unseren Kunden dabei helfen, sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen? Dieses Ziel bildet die Grundlage für unsere Innovationsaktivitäten, unsere technologische Entwicklung und unsere langfristigen Partnerschaften.

Marktbedingungen und der europäische Automobilsektor

Foundry-Planet: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage in der europäischen Automobilindustrie? Welche Auswirkungen haben die Marktentwicklungen auf Investitionen und Kundenprojekte?

Heiko Pfeiffer, Co-CEO Handtmann Light Metal Casting and Systems Engineering:

Die europäische Automobilindustrie befindet sich in einer Zeit grundlegender Veränderungen. Viele der Veränderungen, die wir heute erleben, begannen jedoch schon vor einigen Jahren Gestalt anzunehmen. Daher beobachten wir kontinuierlich langfristige Entwicklungen und bewerten deren Auswirkungen auf unser Geschäft.

Wir haben frühzeitig erkannt, dass der Übergang im Antriebsmix komplexer sein würde als zunächst angenommen, und haben unser Unternehmen entsprechend ausgerichtet. Diese breite Aufstellung ermöglicht es uns, uns flexibel an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Derzeit werden beispielsweise bestehende Programme zunehmend ausgeweitet, während gleichzeitig weniger neue Projekte gestartet werden als noch vor einigen Jahren.

Das Gesamtumfeld bleibt für die Gießereiindustrie schwierig. Hohe Energie- und Arbeitskosten gehen mit einer unvorhersehbaren Marktsituation einher. Daher ist es wichtiger denn je, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit zu treffen.

Wir haben unsere Anlagestrategie auch in Krisenzeiten beibehalten und wollen dies auch weiterhin tun. Gleichzeitig prüfen wir sorgfältig die langfristigen Aussichten verschiedener Technologien, Produkte und Märkte und richten unsere Investitionen auf Bereiche mit vielversprechendem Potenzial. Bei weiterhin unsicheren Rahmenbedingungen gehen wir bewusst vorsichtiger vor.

Das breite Geschäftsportfolio und die familiengeführte Struktur der Handtmann Gruppe sind wichtige Vorteile. Die unterschiedlichen Geschäftsbereiche und Märkte sorgen für Stabilität und ermöglichen es uns, eine langfristige Strategie zu verfolgen, ohne voreilig auf kurzfristige Marktschwankungen reagieren zu müssen.

Automobiltransformation: Von etablierten Prozessen zum Megacasting

Foundry-Planet: Megacasting, modulare Aluminiumstrukturen und Hybridkonzepte stoßen auf zunehmendes Interesse. Welche dieser Entwicklungen werden sich Ihrer Einschätzung nach durchsetzen, und wie wandelt sich die Rolle der Gießerei?

Dirk Seckler:

Langfristig wird keine einzelne Technologie darüber entscheiden, ob ein Unternehmen erfolgreich ist oder scheitert. Die Unternehmen, die sich durchsetzen, sind diejenigen, die Veränderungen frühzeitig erkennen und neue Lösungen für ihre Kunden entwickeln.

„Built-to-Print“ bleibt ein wichtiger Bestandteil unseres Geschäfts und bietet eine verlässliche Basis für die Kapazitätsauslastung und Wirtschaftlichkeit. Dieser Ansatz allein reicht jedoch künftig nicht mehr aus.

Zukünftiges Wachstum wird zunehmend durch „Built-to-Specification“ getrieben. Wir bringen unsere Expertise bereits in einem frühen Stadium in Konzeptwettbewerbe und Entwicklungsprojekte ein. Viele der wichtigsten Entscheidungen fallen, lange bevor das erste Bauteil gefertigt wird. Unternehmen, die in diesem Bereich erfolgreich sein wollen, müssen bereit sein, in Entwicklung, Fachwissen und neue Konzepte zu investieren.

„Megacasting“ betrachte ich als eine echte Revolution in der Fahrzeugfertigung. Dass mehr als 100 Einzelbauteile durch ein einziges, hochintegriertes Teil ersetzt werden, verändert die Fahrzeugkonstruktion grundlegend. Es reduziert Schnittstellen, vereinfacht Prozesse und eröffnet völlig neue Möglichkeiten für den Leichtbau.

Gleichzeitig erfordert Megacasting erhebliche Investitionen. Infolgedessen bauen immer mehr OEMs eigene Produktionskapazitäten auf. Wir haben das Potenzial dieses Trends früh erkannt und investiert, noch bevor konkrete Kundenprojekte gesichert waren. Dadurch konnten wir wertvolle Erfahrungen sammeln und aktiv zur Weiterentwicklung der Technologie beitragen.

Innovation und Substitutionspotenzial bilden eine dritte Säule unserer Strategie. Es stellt sich die Frage, welche Bauteile, die derzeit aus anderen Materialien oder mittels anderer Fertigungsverfahren hergestellt werden, künftig durch Aluminium-Druckguss produziert werden könnten. Wir sehen vielversprechende Chancen in Bereichen wie der Robotik und bei stationären Energiespeichersystemen.

Erschließung eines neuen Geschäftsbereichs: Aluminium-Druckgussräder

Foundry-Planet: Welche Rolle spielt der Radguss in der strategischen Entwicklung von Handtmann?

Dirk Seckler:

Das von Handtmann entwickelte Verfahren ermöglicht es erstmals, Aluminiumräder im Druckgussverfahren herzustellen. Dies stellt für uns einen technologischen Durchbruch dar und eröffnet uns den Zugang zu einem völlig neuen Markt.

Der adressierbare Markt ist doppelt so groß wie unser derzeitiges Kerngeschäft. Zudem bietet das Verfahren beachtliche Vorteile: Das Gewicht der Räder lässt sich um bis zu 30 Prozent reduzieren, während die Hersteller von einer größeren Gestaltungsfreiheit und zusätzlichen Möglichkeiten zur technischen Optimierung profitieren.

Wir sehen daher in diesem Bereich ein erhebliches Potenzial für die weitere Entwicklung in den kommenden Jahren.

Unsere Strategie lässt sich letztlich in drei Säulen unterteilen: „Built-to-Print“ sichert unser etabliertes Geschäft, „Built-to-Specification“ vertieft unsere Kundenpartnerschaften, und Innovation schafft Chancen in neuen Märkten.

Europas Gießereiindustrie auf internationaler Bühne

Foundry-Planet: Europäische Industriestandorte sind mit verschiedenen Nachteilen konfrontiert. Wo sehen Sie die wesentlichen Stärken der europäischen Gießereiindustrie, insbesondere im Vergleich zu China?

Heiko Pfeiffer:

Der internationale Wettbewerb findet nicht unter gleichen Bedingungen statt. China profitiert von erheblicher staatlicher Unterstützung, während Gießereien in Deutschland und im übrigen Europa eigene Wege finden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Dennoch verfügt Europa über klare Vorteile, darunter ein hohes Maß an Innovationskraft, starke industrielle Wertschöpfungsketten und umfassende technologische Expertise. Insbesondere die europäische Gießereiindustrie zählt weiterhin zur Weltspitze, wenn es um komplexe Produkte, Prozess-Know-how und anspruchsvolle Qualitätsstandards geht.

Hohe Energiepreise, wachsende regulatorische Anforderungen und bürokratische Hürden setzen unsere Wettbewerbsfähigkeit jedoch zunehmend unter Druck. Wir benötigen günstigere Rahmenbedingungen, um Investitionen, Innovationen und industrielle Wertschöpfung zu fördern.

Im Rahmen des „Nationalen Gießereidialogs“ am 10. Juli 2026 in Berlin haben Vertreter aus Industrie, Verbänden, Gewerkschaften und Politik gemeinsam konkrete Forderungen formuliert. Die Herausforderungen sind klar benannt. Nun gilt es, die notwendigen Entscheidungen zu treffen und umzusetzen.

Digitalisierung, KI und datengestützte Fertigung

Foundry-Planet: Welchen Stellenwert haben künstliche Intelligenz, Simulation und datenbasierte Prozessoptimierung für die Strategie von Handtmann?

Dirk Seckler:

Für uns sind Digitalisierung und künstliche Intelligenz keine vorübergehenden Trends. Sie sind wesentliche Bestandteile unserer zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit. Wir befassen uns bereits seit einigen Jahren intensiv mit diesen Themen, haben klare Verantwortlichkeiten festgelegt, eine Strategie definiert und einen praxisorientierten Fahrplan entwickelt.

In Zukunft wird die Wettbewerbsfähigkeit noch stärker davon abhängen, wie effektiv Unternehmen Daten nutzen und in messbare Verbesserungen umsetzen. Datengestützte Lösungen erhöhen die Transparenz, decken Zusammenhänge auf und schaffen eine umfassendere sowie verlässlichere Grundlage für Entscheidungen.

Künstliche Intelligenz wird diesen Prozess beschleunigen. Dennoch bleibt die Expertise unserer Mitarbeitenden von grundlegender Bedeutung. KI kann deren Wissen nicht ersetzen, wohl aber dabei helfen, Informationen schneller zu analysieren, Muster früher zu erkennen und fundiertere Entscheidungen zu unterstützen.

Wir haben daher frühzeitig damit begonnen, die notwendigen Strukturen und Kompetenzen aufzubauen – und die Vorteile zeigen sich bereits heute.

Vorbereitung der nächsten Generation von Gießereifachkräften

Heiko Pfeiffer:

Die Industrie wandelt sich derzeit in sehr dynamischem Tempo. Und genau hier liegen enorme Chancen für die nächste Generation von Ingenieurinnen und Ingenieuren.

Foundry-Planet: Was würden Sie jungen Ingenieuren empfehlen, die eine Laufbahn in der Gießereiindustrie in Erwägung ziehen?

Heiko Pfeiffer:

Technisches Fachwissen bleibt unerlässlich. Zugleich gewinnt die Fähigkeit, über den eigenen Fachbereich hinauszublicken, immer mehr an Bedeutung. Erfolgreiche Ingenieure müssen nicht nur technische Zusammenhänge verstehen, sondern auch deren wirtschaftliche Konsequenzen sowie die damit verbundenen Kostenstrukturen.

Die Digitalisierung wird die industrielle Entwicklung in den kommenden Jahren maßgeblich prägen. Technologie und Digitalisierung lassen sich nicht länger als getrennte Themenbereiche betrachten.

Ich empfehle, offen für neue Wissensgebiete zu bleiben und eine möglichst breite Perspektive zu entwickeln. Das bedeutet, beruflich flexibel zu sein, die eigenen Kompetenzen kontinuierlich zu erweitern sowie offen für internationale Erfahrungen und Arbeitseinsätze zu bleiben. Die Industrie entwickelt sich in einem sehr dynamischen Tempo – das eröffnet der nächsten Generation bedeutende Chancen.

Strategische Prioritäten für den Erfolg im Jahr 2035

Dirk Seckler:

Technologien lassen sich erwerben. Doch die Unternehmen, die wirklich erfolgreich sein werden, sind diejenigen, die ihre Organisation weiterentwickeln und ihre Mitarbeitenden auf diesem Weg mitnehmen.

Foundry-Planet: Welche drei strategischen Entscheidungen sollten Gießereien heute treffen, um auch im Jahr 2035 erfolgreich zu bleiben?

Dirk Seckler:

Erstens benötigt jedes Unternehmen eine klare Vision für seine zukünftige Ausrichtung. Welche Kunden möchte es bedienen? Welche Produkte beabsichtigt es anzubieten? Welche Technologien und Maschinentypen werden erforderlich sein, um in den kommenden Jahren erfolgreich zu sein? Ohne diese strategische Klarheit wird es schwierig, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Zweitens müssen Unternehmen konsequent in ihre Zukunft investieren – dies umfasst Maschinen, Prozesse, Technologien sowie neue Geschäftsfelder. Transformation geschieht nicht von selbst. Unternehmen müssen den Wandel aktiv gestalten und die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um ihn zu ermöglichen.

Drittens ist ein kultureller Wandel unerlässlich. Technologien lassen sich zwar einkaufen, doch langfristiger Erfolg hängt davon ab, dass Unternehmen ihre Organisation weiterentwickeln und ihre Mitarbeitenden während des gesamten Transformationsprozesses einbinden.

Flexibilität, Offenheit gegenüber neuen Technologien und Digitalisierung sowie eine gelebte Innovationskultur sind entscheidend für den zukünftigen Erfolg.

Transformation beginnt nicht bei den Maschinen. Sie beginnt bei den Menschen.

Über Handtmann

Die Albert Handtmann Metallgusswerk GmbH & Co. KG zählt zu den führenden Spezialisten für Aluminiumguss in Europa und gehört zur international tätigen Handtmann-Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Biberach an der Riß.

Das Unternehmen hat sich weit über das klassische Gießereigeschäft hinaus entwickelt und agiert heute als 360°-Lösungspartner. Das Leistungsspektrum deckt den gesamten Prozess ab – von der Entwicklung und Materialkompetenz über den Prototypenbau bis hin zur Industrialisierung und Serienfertigung.

Zu den zentralen Wachstumsfeldern für die Zukunft zählen hochintegrierte Strukturbauteile und „Megacasting“, neue Anwendungsbereiche für den Aluminiumdruckguss sowie ein von Handtmann entwickeltes spezielles Druckgussverfahren für Aluminiumräder. Zudem investiert das Unternehmen kontinuierlich in die Bereiche Digitalisierung, künstliche Intelligenz und datengestützte Prozessoptimierung.